Vom Schweigen und Sprechen über Sterben und Tod

  • Diese Masterarbeit untersucht die Tabuisierung von Sterben und Tod in Gesprächsprozessen der gesundheitlichen Versorgungsplanung (GVP) in Einrichtungen der Eingliederungshilfe aus einer systemtheoretischen Perspektive. Im Zentrum steht die Frage, wie kommunikative Prozesse durch gesellschaftlich und organisational stabilisierte Tabumechanismen strukturiert werden und welche Folgen sich daraus für die Thematisierung existenzieller Lebensereignisse ergeben. Ausgehend von der Annahme, dass Tabus als funktionale, normierende Erwartungsstrukturen innerhalb sozialer Systeme operieren, wird Tabuisierung als ein Mechanismus der Reduktion von Komplexität und Affektregulation rekonstruiert. Sie erzeugt Kommunikationslatenz, indem bestimmte Themen – trotz ihrer objektiven Relevanz – systematisch aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen werden. Dies führt zu Beobachtungs- und Thematisierungslücken, die insbesondere in hochsensiblen Kommunikationskontexten wie der gesundheitlichen Versorgungsplanung wirksam werden. Die Arbeit zeigt, dass Sterben und Tod als kommunikative Themen eine ambivalente Funktion einnehmen: Einerseits ermöglichen sie die Reduktion von Unsicherheit und die Antizipation zukünftiger Entscheidungsbedarfe, andererseits sind sie mit hohen Thematisierungsschwellen verbunden, die ihre Integration in Interaktionsprozesse erschweren. In der Folge entstehen Spannungsfelder zwischen dem Anspruch auf Selbstbestimmung und den strukturellen sowie intrapsychischen Barrieren der Kommunikation. Auf Grundlage empirischer Erhebungen unter GVP-Beratenden werden fördernde und hemmende Faktoren der Thematisierung systematisch analysiert. Dabei wird deutlich, dass neben strukturellen Bedingungen – wie Zeitressourcen, räumlichen Settings und organisationalen Routinen – insbesondere die Qualität der Beziehung, die Ausgestaltung der Gesprächsführung sowie biografische und affektive Dispositionen der Beteiligten entscheidend sind. Offene Kommunikationsprozesse erweisen sich als voraussetzungsvoll und abhängig von Vertrauen, reflexiver Haltung und der Fähigkeit, Ambiguität sowie emotionale Belastung auszuhalten. Die Ergebnisse verweisen darauf, dass Tabuisierung nicht ausschließlich als dysfunktionale Einschränkung zu verstehen ist, sondern auch eine stabilisierende Funktion für soziale Systeme erfüllt, indem sie vor Überforderung schützt. Gleichzeitig bedarf es eines reflektierten Umgangs mit diesen Mechanismen, um Kommunikationsräume zu eröffnen, in denen existenzielle Themen bearbeitbar werden. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken, indem sie die Perspektive der GVP-Beratenden systematisch einbezieht und die Wechselwirkungen zwischen individueller Haltung, organisationalen Strukturen und gesellschaftlichen Tabus herausarbeitet. Sie bietet damit theoretisch fundierte und praxisrelevante Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung einer kommunikationssensiblen Versorgungskultur im Kontext von Sterben und Tod.
Metadaten
Author:Kerstin Deckert
URN:urn:nbn:de:hbz:386-kluedo-130739
DOI:https://doi.org/10.26204/KLUEDO/13073
Advisor:Harald Wenske, Arnold Rolf
Document Type:Master's Thesis
Language of publication:German
Date of Publication (online):2026/04/23
Year of first Publication:2026
Publishing Institution:Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
Granting Institution:Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
Date of the Publication (Server):2026/04/24
Tag:Tabubrecher; Tabunehmer; Tabuwächter
GND Keyword:Sterben; Tod; Gesundheitliche Versorgungsplanung; Advanced Care Planning; Tabu; Tabuisierung; Kommunikationslatenz; Beobachtungslatenz; Tabukultur; Gesprächskultur; Hospizkultur; Enttabuisierung; Vermeidung; Verschweigen; Schweigen; systemische Haltung; Latenzschutz; unterstützte Entscheidungsfindung; Stille; Nichtwissen; Akteure; Rolle; Angst; Trauer; Sicherheit; Reflexion; Selbstreflexion
Page Number:IV, 70, 48
Faculties / Organisational entities:Distance and Independent Studies Center (DISC)
DDC-Cassification:3 Sozialwissenschaften / 300 Sozialwissenschaften, Soziologie, Anthropologie
Collections:Herausragende Masterarbeiten am DISC
Licence (German):Creative Commons 4.0 - Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung (CC BY-NC-ND 4.0)