Demokratiestabilisierung durch institutionellen Wandel? Eine makrosoziologische Betrachtung der Entwicklung politischer Unterstützung nach strukturellen und prozessualen Veränderungen im wiedervereinigten Deutschland.
- Die vorliegende kumulative Dissertation widmet sich der Frage nach der Persistenz demokratischer politischer Systeme in Zeiten zunehmender globaler Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. Die Arbeit verortet sich in der Tradition der politischen Kulturforschung und analysiert, wie strukturelle und prozessuale Veränderungen innerhalb eines politischen Systems die Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger gegenüber der Demokratie langfristig beeinflussen. Die übergeordnete Forschungsfrage lautet, wie sich Demokratie befürwortende Einstellungen nach institutionellen Veränderungen in zeitlicher Perspektive entwickeln.
Als theoretischer Rahmen dient das Konzept der Politischen Unterstützung von David Easton, das zwischen langfristig stabilen Legitimitätsüberzeugungen (diffuse Unterstützung) und kurzfristig schwankenden, output-bezogenen Bewertungen (spezifische Unterstützung) differenziert. Die Arbeit untersucht, inwiefern die politische Sozialisation in unterschiedlichen politischen Systemen und die Erfahrung mit partizipativen institutionellen Mechanismen die Demokratieunterstützung, das Demokratieverständnis und die Demokratiezufriedenheit prägen.
Die Analysen basieren auf langfristig angelegten Umfragedaten in zwei quasi-experimentellen Settings. Zum einen dient die deutsche Wiedervereinigung als Kontext, um die Auswirkungen der politischen Sozialisation in der BRD und der DDR auf Demokratie befürwortende Einstellungen zu vergleichen. Zum anderen wird eine direkt-demokratische Abstimmung in Baden-Württemberg (Stuttgart 21) als quasi-experimentelles „Treatment“ herangezogen, um den Einfluss von Partizipationsprozessen auf die Demokratiezufriedenheit zu untersuchen.
Die drei in die Dissertation eingebrachten Studien leisten einen substanziellen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Die erste Studie befasst sich mit der Messung der Demokratieunterstützung und zeigt, dass die politische Sozialisation in der DDR auch nach der Wiedervereinigung zu einer geringeren Demokratieunterstützung führt, sich diese Unterschiede durch eine gemeinsame Sozialisation in der BRD jedoch aufheben. Die zweite Studie untersucht den bisher wenig beachteten Einfluss der Sozialisation auf das Demokratieverständnis und belegt, dass sich das Demokratieverständnis zwischen Ost- und Westdeutschland langfristig angleicht, wobei die Unterschiede in der normativen Bewertung der Demokratie allmählich abnehmen. Schließlich analysiert die dritte Studie den Effekt der Teilnahme an direkt-demokratischen Abstimmungen auf die politische Unterstützung und zeigt, dass die aktive Partizipation an einem solchen Prozess zu einem signifikanten Anstieg der Zufriedenheit mit der Demokratie bei den Teilnehmenden führt.
Zusammenfassend liefert die Arbeit empirische Evidenz dafür, welche Rolle institutionelle Strukturen und Prozesse für die Entwicklung einer demokratischen, unterstützenden Bürgerbasis spielen. Sie trägt somit zum Verständnis bei, wie Demokratien ihre Stabilität sichern und demokratische Resilienz aufgebaut werden kann.